Verrücktes Japan 11: Dinge, auf die ich in Tokyo/Japan gut verzichten kann - meine Top 7 von Himis Blog

Als seriöse Japanologin beschäftige ich mich von Natur aus gerne mit der japanischen Kultur…pff, das glaube ich mir selber nicht! Als absoluter Japan-Nerd ist es meine allerliebste Beschäftigung mich mit diesem Land und den Leuten auseinander zu setzen. In den insgesamt 2 Jahren, die ich dort leben und arbeiten durfte, konnte ich alles einmal hautnah und langfristig erleben und beobachten.

Rückblickend fällt mir dabei auf, dass diese Touristen-Brille, mit der man breit grinsend durch die Straßen läuft und alles toll findet, gerade mal 1-2 Monate wenn nicht sogar nur einige Wochen fest auf der Nase sitzt. Nach einer gewissen Zeit, normalerweise sobald ein gewisses Alltagsleben einsetzt, fällt einem ganz schnell auf, dass es einige Sachen gibt, die einem tierisch auf die Nerven gehen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe dieses Land! Aber es gibt so ein paar Kleinigkeiten, auf die ich gut und gerne verzichten kann. Da ich nun schon einige Zeit nicht mehr in Japan lebe, habe ich mich mit einem guten Freund, der mit einer Japanerin verheiratet ist und seit 3 Jahren in Tokyo arbeitet, unterhalten, um eventuell veränderte Verhältnisse festzustellen. Dabei fiel mir auf: es hat sich nichts verändert. Auch habe ich in den letzten Jahren mehrere Berichte über „nervige Dinge in Japan“ gelesen und musste jedes Mal zugeben, dass ich zu 90% solchen Artikeln zustimme. Zeit eine eigene Liste zu machen. Kein Land ist perfekt. Aber als Tourist hat man einfach nicht die Möglichkeit einen anderen Blickwinkel kennen zu lernen. Ich möchte keinem Japan schlecht reden, aber man muss auch mal realistisch sein und zugeben, dass nicht immer alles kawaii ist!

(Achtung: Alle ortsspezifischen Aussagen auf Tokyo bezogen! Nicht Japan im allgemeinen!)

 

Heuchelei

Und das bringt mich gleich zu meinem ersten Punkt. Kawaii (süß!), omoshiroi (interessant), eeeeeh-hontou ni? (echt jetzt?)...wenn ich diese Phrasen höre, auch gerne in Kombination, höre ich in den nächsten 2 Sätzen auf zu reden. Denn das Interesse, was einem da entgegen springt, ist meistens absolut vorgeheuchelt. Vor allem das allseits beliebte kawaii. Seien wir ehrlich, wer auch nur 10 Minuten durch den Shopping Distrikt in Tokyo läuft, wird ganz schnell feststellen, dass absolut jeder andere stylischer aussieht als man selber. Egal wie man sich kleidet oder die Haare macht, man ist definitiv NICHT kawaii in den Augen eines Fashion-up to date-Tokyoters. Schon gar nicht, wenn man in die dortigen Kleidergröße nicht mal annähernd rein passt. Tokyoter studieren ihre Fashion-Magaziene regelrecht. Da haben wir deutsche Normalos absolut keine Chance. Wenn sich wirklich jemand für dich oder deine Themen interessiert, werden Fragen gestellt. Oder zum Handy gegriffen und selber Infos darüber gesucht. Alles andere ist das typische japanische Anlächeln und das Gegenteil denken. Prinzipiell ist das keine böse gemeinte Geste. Wer hört nicht gerne ein Kompliment zu einer Sache, die einen sehr begeistert. Nach einem miesen Tag gibt es auch nichts schöneres, als ein falsches Kompliment, einfach nur mal um sich ein kleines bisschen besser zu fühlen. Nur diese geballte Masse an Falschheit nervt gewaltig.

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Kawaii-faktor Kreischen

Vom vorgeheuchelten Kawaii wandern wir zum übertriebenen Niedlichkeitsfaktor. Muss man seine Stimme verstellen um niedlich zu wirken? Als würden die kurzen Röcke und die antrainierten X-Beine nicht schon reichen. Aber wenn ich einen Laden betrete oder auch nur daran vorbei gehe und mir diese high pitched Stimme schrillend entgegen brüllt, bluten meine Ohren! Am Anfang ist es interessant und lustig das zu hören. Aber spätestens nach 2 Monaten möchte man mit einem Baseballschläger umher laufen. Dieses schrille „irasshaimaseeeeeeee~“ (Herzlich Willkommen) klingelt einem noch Stunden nach Verlass des Geschäftes in den Ohren. Da hilft leider auch keine laute Musik mehr. Selbst ein Krankenwagen würde in der irasshaimase-Frequenz gnadenlos unter gehen. Ich übertreibe natürlich und auch nicht jede Japanerin quietscht so ekelhaft, aber es ist echt nervig und ich kann darauf wirklich getrost verzichten.


 

Rassismus

BildJap, den gibt es auch in Japan. Er ist nur nicht so auffällig wie in Deutschland. Wer Rassismus einmal als Ausländer erfahren hat, überlegt sich 2 Mal wie er mit einem Ausländer im eigenen Land umgeht. Es ist kein schönes Gefühl zu wissen, dass jemand auf einen hinab blickt ohne dich zu kennen. Und Japaner haben diese Disziplin perfektioniert. Wenn ihr das nächste Mal in einem Zug in Japan sitzt, achtet mal darauf wie viele Köpfe sich wegdrehen oder wie viele Augen plötzlich zufallen und einen Schlaf vorgaukeln sobald ihr aufblickt und euch umseht. Man fällt auf da man nicht in der breiten Masse untergeht. Und Leute begutachten und richten über euch ausgehend von eurem Verhalten. Wer auffällt, dem ist ein Nase rümpfen gewiss. Irgendwann spürt man nur noch Blicke auf sich und es nervt. Aber woher will ich das wissen? Naja, ab ca. 23 Uhr, wenn alle betrunken nach Hause fahren, fangen die Menschen in den Zügen mit ihren Freunden zu reden an. Und aus irgendwelchen Gründen gehen Japaner nicht davon aus, dass man als Ausländer japanisch spricht. Was über einen gesagt wird, ist nicht immer nett. Auch wenn man einer alten Dame im Zug freundlich Platz machen will, sie aber lieber stehen bleibt, ist das eine deutliche Botschaft. Ich kenne auch keinen männlichen Ausländer, der noch nicht völlig Grundlos auf der Straße (meist mit Fahrrad) von Polizisten kontrolliert wurde. Frauen passiert das weniger. Auch von meiner Zeit als Kellnerin weiß ich, dass Ausländer sehr viel lauter in Restaurants sind. Und ich weiß auch, wie über diese in der Küche gelästert wird. „Respektlos“, „Anstandslos“, „Nervig“, „Anstrengend“…sind nur einige Worte an die ich mich erinnere. Ganz egal ob es Amerikaner, Chinesen oder Russen sind, „Ausländer“ ist ein Sammelbegriff in den man selber IMMER mit reingehört. In Japan ist man kein Deutscher. Man ist Ausländer. Lustigerweise ist man, wenn ein Japaner in Deutschland ist, auch immer noch Ausländer. Kaikokujin ist man überall auf der Welt, solange mein kein Japaner ist.

 

TV und das Essen

Ich wollte als Kind immer japanisches Fernsehen. Aus irgendwelchen Gründen dachte ich immer, es kann nur besser als deutsches sein. Schnell musste ich lernen, dass wir mit unseren (geschätzten) 20 free-TV Sendern echt verdammt gut dran sind. Japan hat ca. 12 (wenn man die 2 englischsprachigen mit einstellt). Und von diesen 10 Sendern bringt absolut jeder abends dasselbe!!! Man kann wählen zwischen:

a)      einer Sendung über Essen, in der irgend welche Y-Promis, irgend einen quatsch essen und darüber  staunen,

b)      einer Game/Quiz show in der Leute an irgend einer Stelle Essen und darüber reden,

c)       eine Dokumentation über einen besonderen Landstrich in Japan….und das Essen was es dort gibt,

d)      und Serien in denen man ständig in Restauarants sitzt und isst.

Ernsthaft? Gibt’s nix anderes außer Essen? Selbst wenn sie sich mal ins Ausland trauen geht’s ums Essen. Ich meine, das Essen in Japan ist das absolut beste, aber ich muss da nicht 24/7 Werbung für machen. Denn etwas anderes ist das nicht. Werbung für bestimmte Regionen. Japaner reisen für das Essen durch ihr eigenes Land. Essen und Onsen. Dann guck ich lieber zum 1000sten mal The Big Bang Theory und Two and a half men.


 

Esskultur

BildWir bleiben mal beim Thema Essen. Die japanische Essenskultur ist ohne Zweifel die vielseitigste die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Und es ist immer unglaublich lecker, egal ob ein Stück Fleisch oder ein Gemüseeintopf. Dennoch ist sie unserer gegenüber so unglaublich anders. Es gibt einfach keine Frühstückskultur. Mal eben Brötchen vom Bäcker holen gibt’s nicht. Auch keinen Belag. Toast mit Butter oder überteuerter Marmelade ist das höchste der Gefühle. Ansonsten hat man nur abgepackte, viel zu künstlich süße Teigwaren im Angebot. Die ersten Monate hat man das noch gerne gegessen. Aber auch davon hat man irgendwann genug. Es gibt einfach keine Alternative. Japaner essen zum Frühstück auch gerne mal Curry. Das geht, für meinen Magen, gar nicht. Mein Kumpel in Tokyo hat an dieser Stelle noch hinzugefügt, dass Japaner absolut nicht nachvollziehen können wie man zum Abendbrot einfach nur Brot mit Belag essen kann. Bei seinen Schwiegereltern wird sich regelmäßig darüber lustig gemacht, wie sabishii, einsam und traurig, doch die deutsche Esskultur ist, nur weil er nicht 3 mal Reis-nachschlag, Misosuppe, einen Teller voll Fleischstreifen („denn richtige Fleischstücke kennt ein Japaner nicht“), irgendeinen Fisch und dazu mindestens 1 Bier am Abend zu sich nehmen will.

„Ich werde jedes Mal ausgelacht, vor allem von der Familie meiner Frau, dass ich Abends nicht so viel essen will. Ich finds nur noch nervig!“

 

Wie die Lemminge

BildJapaner sind wie Lemmige. Gibt es irgendwo etwas neues, rennen sofort alle hin und stellen sich unendlich lange in einer Schlange an. Neues Restaurant? Sofort hin! Neuer Süßwarenladen? Wenn man den nicht ausprobiert, ist man unten durch, sofort hin! Und wehe man geht mit mehr als 2 Personen ohne Reservierung in ein Restaurant! Es muss immer langfristig im Voraus reserviert werden. Einige Läden haben sogar eine Absage-Gebühr wenn man eine Stunde vorher absagt. Man merkt manchmal sehr deutlich, wie wichtig ein Hype in Tokyo für das gesellschaftliche Überleben ist. Wenn es alle gemacht haben ist es fast schon eine Beleidigung, wenn du es nicht gemacht hast. Sehr, sehr seltsam wenn ihr mich fragt.

An dieser Stelle noch schnell ein Zitat von meinem Kumpel, der seine Frau nachmacht:

„Was? Es gibt einen neuen Käsekuchenladen in Ikebukoro? Schnell anstellen in der 1km langen Schlange!“

„Moment, wenn das auch noch im TV war, schnell hin!!!!“

Muss ich immer etwas lachen bei solchen Aussagen.

 

Bürokratie

BildWeg vom Essen, hin zur Bürokratie. Wer der Meinung ist, deutsche Bürokratie wäre anstrengend sollte in Japan jeglichem Papierkram aus dem Weg gehen. Es ist einfach anstrengend, zeitaufwendig und in so vielen Fällen einfach nur Sinnlos. Mir wurde ein einziges Mal in Japan mein Portmonee geklaut. Daraufhin ist mein japanischer Chef mit mir zur Polizei um es zu melden. Problem: Wer aus der Reihe tanzt hat den Schaden. Man hat von mir verlangt, den gesamten Anzeigebogen auf Japanisch auszufüllen. Inklusiv der Adresse und des Diebstahlvorgangs. Mal davon abgesehen, dass ich meine Adresse noch nicht auswendig konnte, war mein Japanisch damals noch nicht so Vokabelsicher im Bereich Diebstahl. Als ich fragte, ob mein Chef mir die Adresse sagen könnte und ich sie als Romaji (unser Schriftsystem) aufschreibe bekam ich ein klares nein als Antwort. Es muss Japanisch mit Kanji sein! Also fragte ich, ob er für mich schreiben dürfte. Auch nein. Tief durchatmen! Dann fragte ich, ob ich es mit dem Handy googeln und dann abschreiben dürfte…wieso hab ich eigentlich gefragt?  Für 4 Zeilen in dem Dokument habe ich fast 30 Minuten mit der Politesse diskutieren müssen bis sie schlussendlich zu ihrem Vorgesetzten gerannt ist, der daraufhin ankam, wir ihm die Problematik erklärten, und auch er komplett verneinte. Irgendwann ist dann auch er zu seinem Vorgesetzten, der dann auch zu seinem Vorgesetzten gerannt ist und nach knapp 1 ½ Stunden durfte mein Chef alles diktieren und die Politesse hat geschrieben. WAS?! Ernsthaft?! Wieso!!??? Wieso so kompliziert? Wo ist das bekloppte Problem gewesen? Und das ist nur ein Beispiel! Dasselbe Spiel hat man auch gerne mal bei der Bank, dem Postamt, der Einwanderungsbehörde oder sämtlichen staatlichen Einrichtungen, die nicht nur unmenschlich lange zur Bearbeitung brauchen, sondern auch so unflexibel sind, wie eine Stabheuschrecke. Brauch` ich nicht! Danke für nix und tschüss!

 

Das die Rushhour nervt habe ich in diesem Block einfach mal als gegeben angesehen und bin daher nicht noch einmal spezifisch darauf eingegangen. Keiner fühlt sich wohl in einer Sardinenbüchse. Es gibt viele Kleinigkeiten, die einem nach einer gewissen Zeit auf die Nerven gehen, ganz egal in welchem Land man ist. Das waren meine Top 7, auf die ich gut und gerne verzichten könnte wenn ich mich in Tokyo aufhalte.

Was habt ihr für nervige Erfahrungen gemacht? Gibt es noch mehr Eigenarten auf die ihr bei einem Tokyo-/Japanbesuch gut und gerne verzichten könntet? Lasst es mich wissen J

 

Eure Himi


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Von Himi
Hinzugefügt Feb 9

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